Mann

(M)eine Definition…

Ein Missbrauch hat sehr viel mit Mangel und Bedürfnis zu tun. Die überlegene Person hat oft einen Mangel den sie decken möchten. Dabei greift sie aber zu menschenverachtenden, inakzeptablen und verbotenen Mitteln. Das Opfer ist in der Regel ein wehrloses Ziel im nächsten Umfeld (und nicht jemand aus dem finsteren Wald). Oft begünstigen gewisse Umstände den Missbrauch. Wenn z.B. die unterlegene Person keine Liebe von den Eltern erhalten hat, kein Selbstvertrauen aufbauen konnte oder als Aussenseiter abgestempelt wurde. Das ist aber auf keinen Fall eine Entschuldigung oder Erklärung für die Tat. Jede Situation in der das Verhältnis zwischen zwei Personen zu Ungunsten der unterlegenen, schwächeren von der stärkeren ausgenützt wird, kann als Missbrauch bezeichnet werden.

Gewaltloser Missbrauch?

Viele stellen sich unter Missbrauch ein Mädchen vor dass vergewaltigt wird oder ein wehrloses Kind welches sich gegen den Vater oder Verwandten nicht wehren kann und alles ertragen muss. Wie ich in meiner Definition beschrieben habe gehört dazu noch sehr viel mehr. Bei mir musste der Täter z.B. keine Gewalt anwenden. Ich war (lediglich) psychisch von ihm abhängig und er hat seine grössere sexuelle Erfahrung dazu benutzt mich zu manipulieren. Oft habe ich mir gewünscht dass er es getan hätte…

Schuldgefühle bei gewaltlosem Missbrauch…

Viele Opfer die die Gewalt nicht körperlich sondern seelisch erleben mussten plagen grosse Zweifel und Schuldgefühle: „Habe ich es nicht auch gewollt? Er war nicht grob – ich hätte mich doch wehren können?“ Dazu kommen noch all die Besserwisser: „Doktorspiele gehören zur Entwicklung dazu! Warum hast du denn mitgemacht?“ Meine eigene Mutter hat mir nicht geglaubt als ich ihr in einer Krisensituation alles erzählt habe. Ihre Antwort war: „Das ist doch normal. Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein.“ Meine Schuldgefühle hätten mich fast in den Tod getrieben.

Alle Männer sind potentielle Täter!

Als ich von einer engen Bekannten erfuhr, dass sie missbraucht worden war begann ich mich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen. Ich fand aber nur Literatur von Frauen. Als ich gezielt nach Hilfe für männliche Opfer suchte – Fehlanzeige. Viele Beratungsstellen nehmen keine Jungen in Therapie. Selbst in einer Informationsschrift des Bundes wird nur von Tätern und von Frauen als Opfer gesprochen. Ich spinne die etwas provokante Aussage „alle Opfer werden in irgend einer Art wieder zu Täter“ weiter. Was wäre wenn alle männlichen Täter einmal Opfer gewesen sind?

Offiziell spricht man von jeder 3. Frau und jedem 7. Mann – realistischer ist aus meiner Sicht dass jede Frau und jeder 3. Mann schon einmal eine Erfahrung auf diesem Gebiet machen musste. Frauen sind als Opfer in der Öffentlichkeit anerkannt. Sie erhalten Hilfe und Unterstützung und müssen keine Angst haben ihren Status in der Öffentlichkeit zu verlieren.

Wenn ein Mann aber öffentlich dazu steht ein Opfer zu sein hat er mit schwerwiegenden Folgen zu rechnen. Es drohen im die gesellschaftlicheIsolation, der Verlust der Arbeitsstelle und selbst von dem grössten Teil der Fachkräfte wird er im Stich gelassen. Fragen Sie einmal nach wie viele Frauen wegen sexuellem Missbrauch Unterstützung durch das Opferhilfegesetz erhalten haben und wie viele Männer.

Trotzdem lohnt es sich als Mann aus seiner Einsamkeit und Schutzmauer auszubrechen. Man(n) muss mit ernsthaften Konsequenzen rechnen aber die Alternative ist auch nicht verlockend. Wenn ich z.B. immer noch schweigen würde, dann hätte mich meine eigene Hilflosigkeit, Verzweiflung und Einsamkeit sicher in den Selbstmord getrieben.

Was ist normal in der Sexualität?

Ich wusste echt nicht mehr weiter. Auf der einen Seite stand der Täter. Für den war es normal mit mir ins Bett zu gehen und mit mir seinen perversen Spielchen zu treiben. Auch für die Medien bzw. für die ganze Gesellschaft schien das was ich erlebt hatte normal zu sein. Von den Eltern konnte ich nichts erwarten. Sie hielten es auf jeden Fall nicht nötig mich aufzuklären. Diesen Job überliessen sie lieber der Jugendzeitschrift BRAVO. Ich suchte verzweifelt nach etwas an dem ich hätte halten können.

Sex wurde von Gott geschaffen und gehört in die Ehe. Diese christlich-fromme Generalantwort auf all die bzw. meine bohrenden Fragen treibt mich auch Heute noch zur Weissglut. Ich würde allen die das über die Lippen bringen amliebsten die Buchstaben einzelnen wieder in den Mund zurück drücken. Ich zähle mich trotzdem immer noch zu den praktizierenden Christen und mein Glaube war/ist auch mein Heilungsweg. Aber die Intoleranz, Sturheit und Tabuisierung in gewissen christlichen Kreisen ist aus meiner Sicht der beste Nährboden fürweiteren Missbrauch.
Ich bin (k)ein Opfer?

Lange Zeit meinte ich kein Recht zu haben auch Opfer zu sein. Ich wurde nicht gezwungen, er hat keine Gewalt angewendet, ich wurde nicht vergewaltigt –  also hatte ich auch kein Recht mich als Opfer zu sehen und zu fühlen.

Aus dieser Ungerechtigkeit heraus schwor ich mir, dass mich nie mehr ein Mensch verletzen kann, denn mit mir kann man(n) ja machen was man(n) will. Meine Hilferufe werden nicht ernst genommen. Nicht von meinen Eltern, nicht von meinen Freunden und auch nicht von sogennanten Seelsorgern. Ich realisierte dabei nicht, dass ich mit meinem Rückzug in erster Linie mir selber schadete.

Es gibt keinen starken oder schwachen Missbrauch!

Es kann sein, dass ein Mensch, der jahrelang direkte körperliche Gewalt am eigenen Körper erleben musste, das Erlebte schneller verarbeitet und damit umgehen kann als jemand der z.B. „nur“ obszöne und schlüpfrige Bemerkungen über sich ergehen lassen musste. Im Grunde genommen spieltes keine Rolle wie, auf welche Art und wie lange jemand missbraucht wurde. Die Folgen sind bei allen „Missbrauchsarten“ ähnlich und so individuell und zahlreich wie es Opfer gibt.

Kann man(n) vergessen?

Seit dem Missbrauch sind nun 25 Jahre vergangen. Ist es möglich zu vergessen, ist es möglich zu vergeben, was ist geblieben, mit was kämpfe ich Heute noch? Auf ein paar dieser Fragen habe ich noch immer keine Antwort gefunden. Ich bin jedoch der tiefen und festen Überzeugung, dass es möglich ist ein Leben ohne Einschränkung der Lebensqualität zu führen. Patentrezept dazu habe ich keines. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden. Meiner sieht so aus.

Was übrig bleibt…

Lange Zeit war ich der Meinung, den Missbrauch und seine Folgen gut verarbeitet zu haben. Ich bin in der Lage soziale Kontakte zu knüpfen, und ich habe meinen Platz in der Gesellschaft gefunden… bis eine Frau in mein Leben trat. Da wurde ich etwas unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.

Da merkte ich, dass ich ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber allen Menschen habe. Ich gehe nicht davon aus, dass es jemand gut sondern schlecht mit mir meint. Da in meinem Leben zu früh Grenzen überschritten wurde habe ich ein sehr stark ausgeprägtes Sicherheitsgefühl „mit auf den Weg danach erhalten.“ Ich trinke nicht weil ich niemals die Kontrolle über mich verlieren will. Der Tank meines Autos ist praktisch immer voll. Es könnte ja mal sein, dass ich fliehen muss. Ich rechne immer mit dem Schlimmsten, dann bin ich für alle Fälle gerüstet und es kann nur noch besser werden.

An diesen Punkten bin und bleibe ich dran.
Life – it’s worth fighting for!
Leben – es lohnt sich dafür zu kämpfen!